Halberstadts vergessene jüdische Vergangenheit und das Versagen der DDR-Geschichtspolitik
Brit PutzHalberstadts vergessene jüdische Vergangenheit und das Versagen der DDR-Geschichtspolitik
Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht das vergessene jüdische Erbe Halberstadts in der ehemaligen DDR. „Verleugnetes Erbe“ zeigt, wie die DDR weite Teile der jüdischen Vergangenheit der Stadt tilgte – trotz einer einst blühenden neo-orthodoxen Gemeinde. Die Forschung deckt zudem die Mängel der sogenannten antifaschistischen Politik des Staates auf.
Die jüdische Geschichte Halberstadts wurde zwischen 1938 und 1942 nahezu ausgelöscht. Die Zerstörung begann mit der Pogromnacht im November 1938, als die Synagoge der Stadt niedergebrannt wurde. Bis 1942 war die gesamte Gemeinde vernichtet.
Nach dem Krieg richtete die DDR 1949 am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte ein. Sie ehrte zunächst Opfer der Zwangsarbeit, doch ihr Zweck änderte sich mit der Zeit. 1969 wurde die Anlage umgestaltet, um „proletarischen Internationalismus und sozialistische Vaterlandsliebe“ zu propagieren. Erschreckenderweise entstand sie direkt über den Gräbern von Häftlingen.
Die unterirdischen Stollen des Lagers, einst Teil des NS-Terrorsystems, wurden später zweckentfremdet. In den 1970er-Jahren diente sie der Nationalen Volksarmee der DDR als militärisches Depot. Grafs Recherchen belegen, wie der Staat den Ort ausbeutete, während er dessen jüdische Geschichte unterdrückte.
Trotz einiger Relikte – wie den Schallplatten von Lin Jaldati oder Romanen von Peter Edel und Jurek Becker – ignorierte die DDR ihr jüdisches Kulturerbe weitgehend. Graf argumentiert, dass die Mittel zur Analyse und Bekämpfung von Antisemitismus nach 1949 und 1989 zwar vorhanden waren, aber vernachlässigt wurden. Sein Buch fordert eine Überprüfung veralteter politischer Denkmuster – egal ob von links oder rechts.
Jahrzehnte später brach in Halberstadt der Antisemitismus wieder auf. 2018 löste der Verkauf des Einkaufszentrums Rathauspassagen an jüdische Eigentümer Gerüchte über einen „Verkauf an die Juden“ aus. Der Vorfall offenbarten tief verwurzelte Vorurteile in einer Stadt, die ihre jüdische Vergangenheit einst getilgt hatte.
Grafs Werk wirft ein Licht auf Halberstadts verlorene jüdische Geschichte und das gescheiterte antifaschistische Narrativ der DDR. Das Buch ist zugleich eine Mahnung: Wer die Vergangenheit nicht aufarbeitet, riskiert, dass alte Feindbilder in neuen Formen wiederkehren.






